22. September 2009

Hej Ingvar

Hej Ingvar,

ja, wir alle haben schon mal bei dir gekauft. In unseren Wohnungen
stehen deine Bücherregale, deine Milchkaffeebecher, deine
Kinderbetten. Du bist preiswert, das ist wahr, doch eine alte
Volksweisheit lautet: Billig ist teuer. Das merken wir jetzt. Mitten
in Altona, da wo wir wohnen, möchtest du eines deiner Möbelhäuser
bauen. Ehrlich gesagt, das passt uns überhaupt nicht und wir wollen es
verhindern. Nimm dir ein paar Minuten Zeit, damit wir dir erklären
können, warum.

Zunächst mal ein Rat: Glaub unseren Politikern kein Wort! Diese
Menschen haben eine gestörte Wahrnehmung von der Wirklichkeit in
unserem Viertel. Sie halten das Frappant-Gebäude, das du für dein
Möbelhaus abreißen möchtest, für einen „Schandfleck“. Das stimmt aber
nicht. Im Frappant arbeiten über hundert Künstler, Theaterleute und
Musiker. Wir haben dort in den letzten Jahre großartige Parties
gefeiert und jede Menge spitzenmäßige Konzerte und Ausstellungen
gesehen, mit kaum Geld und viel Einsatz aus dem Boden gestampft. Das
ist unseren Politikern aber nicht nur herzlich egal, sie machen den
angeblichen „Schandfleck“ auch noch dafür verantwortlich, dass die
angrenzende Fußgängerzone „unattraktiv“ sei. Schon vor Jahren haben
sie per Expertise feststellen lassen, dass es ihr an
„Aufenthaltsqualität“ fehle, dass sie „unbelebt und ungastlich“ sei.
Sie behaupten dort, dass unsere Flaniermeile „nicht mehr die Funktion
eines Bezirkszentrums sowie eines wichtigen Zentrums für das
öffentliche, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben einnimmt.“
Wie gesagt, Ingvar, glaub ihnen kein Wort! Setz dich an einem
beliebigen Sommernachmittag ins Eiscafé Filippi oder vor Dat Backhus
und du wirst mit eigenen Augen feststellen: Jede x-beliebige deutsche
Kleinstadt würde sich die Finger lecken nach so viel Leben. Jede Menge
Leute sind hier unterwegs, Normalos und Freaks mit und ohne Kopftuch,
Punk und Alkis mit und ohne Hunden, Opis und Omis, Kinder und
Jugendliche.

Tatsächlich meinen unsere Politiker auch garnicht „Leben“. Was sie
meinen, steht in ihrer Expertise: „Der Funktionsverlust – insbesondere
der Großen Bergstraße – manifestiert sich in einer anhaltend sinkenden
Kaufkraftbindung.“ Klingt kompliziert, ist aber eine ganz einfache
Logik: Es kann noch so viel auf der Straße los sein – wenn nicht genug
verkauft wird, behaupten sie, es gäbe dort kein „Leben“. Lächerlich,
nicht wahr? Aber so geht eben die Standortlogik neoliberaler Politik:
Nur wo ordentlich abgemolken wird, ist es schön. Alles andere ist
hässlich.

Deshalb sind unsere Politiker auch so begeistert von der Perspektive,
dass dein Möbelhaus unserer Fußgängerzone eine „Belebung“ und
„Aufwertung“ verpasst. Denn bei dir, Ingvar, wird abgemolken. Nach
allen Regeln der Kunst. Darum täuschen sich auch die Boutiquen- und
Kaffeehausbesitzer unsere Fußgängerzone, wenn sie glauben, deine
Kunden würde ihre Geschäfte beleben. Warum sollten sie? Wenn sie dein
Möbelhaus nach mehreren Stunden verlassen, haben sie einen dicken
Schädel, einen leeren Geldbeutel, den Bauch voller Köttbulla, den
Wagen voll mit Billy und Expedit, einen Ehestreit hinter sich und
plärrende Kinder an der Hand. Danach noch auf der Großen Bergstraße
flanieren? Du weißt es besser, Ingvar! Schließlich hast du dein
Möbelhaus nach dem Prinzip Disneyland konzipiert: Eine eigene Welt,
die ihre Besucher einsaugt und nicht wieder ausspuckt, solange sie
noch ein Quentchen Kraft zum Konsumieren haben.

Wie angenehm lebt es sich dagegen im Schatten des „grauen Siebziger-
Jahre-Betonklotz“, wie ihn unsere Lokalpresse schimpft! Von der Taz
(„Letzte Hoffung Abbruch“) bis zur Bild-Zeitung („Altonas Große
Bergstraße stirbt“) sind nämlich fast alle auf die Schandfleck-
Rhetorik hereingefallen, die unsere Standortpolitiker mit stupider
Penetranz seit Jahren in die Medien einspeisen. Wir sehen das
vollkommen anders. So wie die Dinge stehen, muss man um jede Brache
froh sein, die nicht einem neuen Shopping-Paradies, einem Büroturm
oder einem Appartment-Hochhaus mit exklusiven Eigentums-Lofts weichen
muss. Von „Landmark-Architektur“ kann man in deinem Fall ja ohnehin
nicht sprechen. Denn, mit Verlaub, Ingvar, dieser blaugelbe Zweckbau,
den du da planst, den findest du doch selber nicht schön, oder? Nein,
es ist schon in Ordnung, dass diese Dinger an unseren Ausfallstraßen
stehen. Da gehören sie hin, inklusive Autobahnanschluss und
fußballfeldgroßen Parkplätzen.

Apropos Parkplätze: Am Anfang hat man uns erzählt, du wolltest bei uns
eine Light-Version deines Möbelhauses machen – mit lauter tragbaren
Accessoires, die die Käufer bequem per öffentlichem Nahverkehr
wegschaffen können. Auch geisterte das Gerücht herum, du wolltest mit
einem speziellen Gratis-Lieferservice dafür sorgen, dass unsere
Straßen nicht mit den Autos deiner Kunden verstopfen. Das war aber
wohl nur klug lanciertes „Akzeptanz-Management“, wie man es auf
neudeutsch nennt. Denn von beidem ist im Bau-Vorantrag, den du jetzt
gestellt hast, kein Wort mehr zu lesen. Stattdessen gehst du in die
Vollen: Fünfundzwanzigtausend Quadratmeter Verkaufs- und Lagerfläche,
ein Restaurant mit siebenhundert Plätzen – und einem Parkplatz, auf
dem gerade Mal 815 deiner Kunden ihre Autos parken können. Unsere
Bezirkspolitiker haben sich dann ganz schnell von einer willfährigen
Stadtplanungsgesellschaft per Gutachten bestätigen lassen, deine Pläne
seien verkehrsmäßig verkraftbar. Nur so nebenbei: In deinen Filialen
in Schnelsen und Moorfleet hälst du für eine ähnliche Verkaufsfläche
zwei- bis dreitausend Parkplätze bereit. Aber die Gutachter unserer
Bezirkspolitiker gehen ja davon aus, dass sechzig Prozent deiner
Kunden mit Bus und Bahn in unser schönes Altona fahren. Um dann ihre
Regale und Sofas auf den Schultern zurück nach Hause zu tragen.
Lustig, oder? Was man so alles in Gutachten reinschreiben kann!

Na jedenfalls, Ingvar, wir werden uns alle Mühe geben, deinen Plänen
bei uns im Stadtteil einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wir
haben schon damit angefangen, und unsere Politikern geht auch bereits
die Düse. Wie sonst sollen wir uns erklären, dass sie mit dem Gedanken
spielen, das Genehmigungsverfahren für dein Möbelhaus jetzt vom Bezirk
in die Hände der Stadt legen wollen, um ein Bürgerbegehren dagegen
unschädlich zu machen? Es wird ihnen nichts nützen. Wir bleiben dran,
Ingvar. Das Leben ist kein Möbelhaus. In diesem Sinne: Deine Anwohner,
die keine werden.

Mehr Informationen www.kein-ikea-in-altona.de

1 Comments:

Blogger olga said...

merci für die gut geschriebene zusammenfassung der lage!

10:40 vorm.  

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